Blumen für Lisa-9

von Uwe Post

Als wir Papa begruben, schien die Frühlingssonne auf Lisa-9 mit ihrem bunten Blumenstrauß.
      Niemand sprach, als Papas Urne am Fuße der alten Buche versenkt wurde. Mama presste die Lippen fest aufeinander. Der Friedwald-Angestellte nickte uns zu.
      Ohne Zögern trat Mama vor, griff zur Schaufel und ließ Erde auf Papas Urne prasseln.
      Sie hörte gar nicht mehr auf zu schaufeln.
      Der Mann vom Friedwald warf mir einen Blick zu. Meine Schwester aber war Luft für ihn.
      Meine kleine Schwester, die früher meine große Schwester gewesen war.
      Lisa war perfekt. Äußerlich neun Jahre alt. Für immer. Aber in Wirklichkeit erwachsen. Erwachsener als Papa, soviel stand fest. Sonst wäre das alles nicht passiert.
      Aber … vielleicht beginne ich besser am Anfang.

Soeben für den Kurd-Laßwitz-Preis 2025 nominiert:

 

Das weiße Zelt

von Michael Schneiberg

Ich denke, wir waren eine ziemlich normale Familie. Nachdem meine Eltern Frank und Eva ihren großstädtischen Zyklus von Studentenleben, Zwei-Zimmer-Wohnung, Berufseinstieg und zögerlicher, aber letztlich überzeugter Familiengründung durchlaufen hatten, ließen sie sich in einer frisch sanierten Reihenhaussiedlung aus den 30er-Jahren in Köln-Nippes nieder. Mitten zwischen Menschen gleichen Schlages, linksbürgerliche, kritische Beobachter der Welt, mit einer Sehnsucht nach guter Nachbarschaft und dem Willen, eine richtige Entscheidung an die andere zu reihen.

Der Deutsche Science-Fiction-Preis 2024 für die »Beste deutschsprachige Kurzgeschichte«

geht an:
»Nicht von dieser Welt« von Aiki Mira, erschienen in »Nova 32«, p.machinery,

nova32

Die weiteren Platzierungen:
2. Platz: »Die Frau in der Wand« von Michael Schneiberg (EXODUS 47),
3.Platz: »Unterschied« von Jol Rosenberg, erschienen in »Queer*Welten 10«,

Der Zähler und der Monolith

von Wolf Welling

Der Auftrag

Ich hatte dem Amt erklärt, dass dies mein letzter Auftrag sein würde. Schließlich hatte ich im Alter von einhundertzwanzig Jahren meine Pensionsgrenze erreicht. Irgendwann ist es mal genug.

      Es ging in diesem Fall um Folgendes: Ich sollte das merkwürdige Verschwinden einer ganzen Kolonie auf dem Planeten Monolithos aufklären. Dort seien Gebäude, Werkzeuge, Fahrzeuge, Sendemasten und so weiter, alles Materielle vorhanden, nur die Menschen seien verschwunden, »so um die dreihundert« (Ich hasse solche Ausdrücke wie »so um«, »circa«, »irgendwie«, »oder so« – alles Ausdrücke verschwommenen Denkens).

Noah, der Hammer und der Gott in der Maschine

von Marie Meier

Hubert reißt den Mund auf. Ein schwarzer Schlund gähnt mir entgegen, potenziell unendlich, jedoch mutmaßlich begrenzt durch seine Gaumenmandeln und seinen Rachen. An seinen Zähnen klebt Speichel, auf seiner Zunge sitzt weißer Belag. Ich hasse Hubert von Herzen, hasse ihn mehr als jeden anderen Menschen. Schwer ist das aber nicht, wenn es nur noch einen Menschen gibt.