Fehlstart ins Atomzeitalter

Heinz J. Galle mit weiterem interessantem Titel bei DvR

Ich erinnere mich daran, dass es in einem unserer Bücher in der Grundschule auf der letzten Seite zwei Illustrationen über Städte der Zukunft gab. Diese haben mich immer besonders fasziniert. Soweit ich weiß, war Atomenergie in meiner Kindheit in den Siebzigern kein großes Thema. In den Achtzigern wurde es wieder eins. Rückblickend kann ich sagen, dass ein Geist des Aufbruchs, eine Hoffnung auf endgültige Erlösung durch Technik Anfang der Siebziger immer noch spürbar war. Im Jahrzehnt danach ging er gründlich verloren.

Als ich irgendwann erfahren habe, wie lang der Atommüll nach dem Gebrauch noch strahlt, war ich regelrecht entsetzt und bin schlagartig zu einem Atomkraftgegner geworden. Womit ich auf der Höhe der Zeit meiner Generation war. Und es war mir unbegreiflich, wie die Menschen jemals so eine Dummheit begehen konnten. Ich ahnte wohl, dass es zu einer bestimmten Zeit einen politische Willen gegeben hatte, dass es eine Angst gegeben hatte, nicht am Fortschritt teilhaben zu können, aber dennoch blieb es mir ein Rätsel.

Zwischenzonen

Kurzgeschichtensammlung von Wolf Welling

Was Wellings Kurzgeschichten auszeichnet, ist die Betrachtung von Science Fiction Themen aus einer sehr menschlichen Perspektive. Es sind die subjektiven Erfahrungen der Menschen, ihr Gefühlsleben und ihre Gedanken, die im Vordergrund stehen. Dabei ist Welling keinesfalls der Tradition der New Wave zuzurechnen, denn bis auf wenige Ausnahmen bilden durchaus harte Wissenschaft und Technik die Grundlage, auf der die Geschichten aufgebaut werden.

Haben Sie vielleicht schon mal davon gehört, dass subatomare Teilchen nicht zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort existieren? Sie befinden sich tatsächlich in einer undefinierten Superposition. Richtig, es handelt sich um Heisenbergs berühmte Unschärferelation. Was würde es bedeuten, wenn das auch auf den Makrokosmos zuträfe, auf unser Leben? Kann man gleichzeitig tot und lebendig sein? In »Die Katze Schrödinger« gibt uns Welling eine Antwort.

Einen zum Tode verurteilten, perversen Mörder gibt Welling in »Target No. 9« (Erstveröffentlichung in EXODUS 29) die Chance, sein Leben etwas zu verlängern, allerdings in Form einer fliegenden Bombe, mit der islamistische Terroristen empfindlich getroffen werden sollen.

Einen melancholischen Anstrich hat die Geschichte »Venezia muore« (Erstveröffentlichung in EXODUS 28). Der Meeresspiegel ist gestiegen und Venedig versinkt und verfällt zusehends. Während alle Bewohner die Stadt längst verlasen haben, ist Aschenbach hierhergezogen, um gemeinsam mit der Lagunenstadt zu sterben. Gelegentlich läuft ihm eine attraktive Frau über den Weg, die ebenfalls hier wohnt. Aber keiner der beiden hätte ein Interesse an einer näheren Bekanntschaft. Als sie ihn an ihrem Geburtstag zu einem Drink einlädt, finden sich beide plötzlich in einem alternativen, einem sehr lebendigen Venedig wieder. Diese Geschichte ist weniger Science Fiction, sondern eher allgemein Phantastik. Welling beweist hier, dass er auch diese brillant zu schreiben versteht.

Neue Kurzgeschichtensammlung von Erik Simon

»Zeitmaschinen Spiegelwelten«

Erik Simon ist ein Autor, der die Science Fiction Szene der DDR nicht unwesentlich mitbestimmt hat und Gott sei Dank auch heute noch aktiv ist. Die vorliegende Kurzgeschichtensammlung ist in drei Abteilungen gegliedert. In einer wird das traditionsreiche Thema Roboter und Maschinen behandelt. So alt das Thema auch ist, der Leser wird hier von Simon dennoch überrascht und auch zum Schmunzeln gebracht.

In der zweiten Abteilung gibt es anspruchsvolle Alternativweltentwürfe, teilweise in Briefform oder als fiktiver Vortrag.

In der dritten Abteilung schließlich geht es um Zeitreisen und anderen Paradoxa. Diese Geschichten sind besonders unterhaltsam und zugleich philosophisch. Dialoge voller Witz und Geist zeigen uns auf vergnügliche Art, welches Potenzial Science Fiction hat.

»Zeitmaschinen Spiegelwelten« ist der 4. Band von Simon´s Fiction - der Werkausgabe von Erik Simon. Einige der Erzählungen, Gedichte und Alternativhistorien liegen mit diesem Band erstmals auf deutsch vor.

»Schuldig in 16 Fällen«

Kurzgeschichtensammlung von Arno Behrend

Eine Sammlung von Kurzgeschichten eines Autors, der seit zwanzig Jahren überall dort vertreten ist, wo man als Deutscher Science-Fiction-Kurzgeschichten veröffentlichen kann. Überraschend ist, wie viele Erstveröffentlichungen man in dem Buch findet, noch größer wird die Überraschung, weil gerade darunter ganz hervorragende Texte sind, die man vielleicht sogar als seine besten Arbeiten bezeichnen kann.

(Die eine oder andere davon hätte ich mir auch gut in EXODUS vorstellen können.) Beginnen wir also mit einem Streifzug durch die neuen Geschichten. Besonders spannend inszeniert ist »Der Klang der Posaunen«, in der um unsere Sonne herum eine Dysonsphäre gebaut wird. Lebensraum ohne Ende. Wie es aussieht, versuchen Außerirdische, unbedingt mit uns in Kontakt zu treten, um uns vor gewissen Gefahren dieses Projektes zu warnen. Aber werden die Signale richtig interpretiert? In der Story »Im Feuerkreis« wird eine Welt geschildert, in der es weder für Privatpersonen noch für Firmen Datensicherheit gibt. Jeder kann wirklich alles über jeden anderen erfahren und Privatsphäre hat aufgehört zu existieren. Dann gewinnt jemand in der staatlichen Lotterie eine für gewöhnlich unerschwingliche Firewall. Ein sehr interessantes Essay. In »Bubble-Gum-Express« tritt ein unbekannter Hacker an eine Netz-Designerin heran und behauptet, ihr kürzlich verstorbener Vater sei keineswegs bei einem Unfall ums Leben gekommen. In guter Thriller-Manier geht es spannend weiter.

Herbert W. Franke - Werkausgabe gestartet

... Klassiker deutscher Science Fiction neu aufgelegt

Der erste Band der »SF-Werkausgabe Herbert W. Franke« ist soeben erschienen.

»Der grüne Komet«, die Kurz- und Kürzestgeschichtensammlung Frankes aus dem Jahr 1960, leitet die von Ulrich Blode und Professor Dr. Hans Esselborn herausgegebene Reihe ein, die auf 28 Werkbände und 2 weitere »Zubehör«-Bände ausgelegt ist. Die Titelabbildungen und das Umschlaglayout stammen von Thomas Franke, der auch weiterhin die Gestaltung der Reihe übernimmt. Der aus unserem Magazin hinlänglich bekannte Künstler gewann 2013 zum vierten Male den begehrten Kurd-Laßwitz-Preis »für das Titelbild, Backcover und die Galerie« zu EXODUS 29. (Diese Ausgabe ist weiterhin lieferbar und kann gleich hier bestellt werden.)

Details zum ersten Band, der als AndroSF-Band 46 erscheint, finden sich hier - darunter auch eine vollständige Inhaltsangabe der über 60 Kurzgeschichten Frankes.

Arkadi und Boris Strugatzki

... Klassiker der Science Fiction neu aufgelegt

Mit dem sechsten Band der vollständig überarbeiteten GESAMMELTEN WERKE von Arkadi und Boris Strugatzki schließt der Verlag dieses ambitionierte Projekt – einer der Grundpfeiler bei Golkonda – nach fünf Jahren ab.

Im soeben verschickten TEMPORAMORES-Newsletter 225 berichtet Hermann Ibendorf: »Während bei Heyne bereits Anfang des Jahres der abschließende sechste Band der Taschenbuch-Ausgabe der GESAMMELTEN WERKE von Arkadi und Boris Strugatzki erschien, mussten die Abonnenten der gebundenen Ausgabe bei Golkonda noch bis November warten. Doch wie immer hat es sich gelohnt: Jetzt stehen die sechs großformatigen Prachtstücke (je nach Variante in Ganzleder oder Leinen) im Regal, daneben der (nicht bei Heyne erhältliche) Supplementband mit den frühen Erzählungen und den späten Romanen, die Boris ohne seinen Bruder geschireben hat. Bei Golkonda hat man zudem den Heyne-Text nochmals kritisch durchgesehen und korrigiert bzw. ergänzt. Aus "informierten Kreisen" kommt außerdem noch der Hinweis, dass ein zweiter Supplementband in Arbeit ist. Wer bisher gezögert hat, sollte unbedingt jetzt zuschlagen, da vor allem vom ersten Supplementband nur noch einige wenige Restexemplare vorhanden sind.«

Hier geht es direkt zur Reihenübersicht.

gepostet (RMo) = René Moreau

Hans Frey: »Philosophie und Science Fiction«

»Philosophie und Science Fiction«

In seinem Essay »Science Fiction – Zukunftsliteratur? Pure Nostalgie!« - EXODUS 31 - beklagt Franz Rottensteiner, dass es in dem Überangebot an Titeln an zuverlässigen Maßstäben und Orientierungshilfen für den Leser fehlt. Damit hat er gewiss Recht. Es gibt derartige Orientierungshilfen zwar, aber sie liegen nicht gerade stapelweise in Buchgeschäften herum, sondern bleiben einem kleinen, sehr interessierten Publikum vorbehalten, womit sie nicht ihren Sinn, wohl aber ihre Wirkung verlieren.

Ein guter Führer durch den Dschungel ist »Philosophie und Science Fiction« von Hans Frey.

Sascha Mamczak - »Die Zukunft – Eine Einführung«

Der Heyne Verlag, resp. Random House, hat mit »diezukunft.de« eine Seite ins Leben gerufen, auf der man Neuigkeiten rund um die Themen Populärwissenschaft und Science Fiction findet. Letzteres in den Rubriken »Game«, »Comic«, »Gadget« und sogar noch »Buch«.

Passend dazu hat Sascha Manczak ein Sachbuch mit einem ausführlichen Essay über das Thema Zukunft geschrieben. Denn das Wort Zukunft hatte nicht immer die inhaltliche Bedeutung, die wir Heutigen ihm beimessen. Am Anfang der Menschheitsgeschichte war Zukunft etwas, das unvermeidlich auf uns zu kommt, etwas, über das allenfalls Wahrsager oder Orakel Auskunft geben können. Mit der zunehmenden Enträtselung der Naturgesetze und dem Aufkommen von Technik wird sie plötzlich zu einem Raum, der gestaltbar erscheint, den wir uns nach unseren Bedürfnissen einrichten können.

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