Bei Chris Schlicht dampft es gewaltig: »Maschinengeist«

Die ersten 30 Minuten von: »Maschinengeist« von Chris Schlicht

Ich war einmal auf einer Lesung von Henning Mankel (der sich MANkl und nicht wie von mir fälschlicherweise gedacht ManKEL ausspricht), auf der er »Kennedys Hirn« vorstellte. Jemand aus dem Publikum fragte ihn, weshalb er dem Roman diesen Titel gab. Er antwortete: »Der Titel eines Buches ist wichtig. Entweder klappen Sie die nächste Seite auf oder lassen es.«
Ich wollte nicht gar so hart sein. Deshalb habe ich mich dazu entschlossen, neuen Büchern mehr Gelegenheiten statt nur des Titels zu geben, mich von ihrem Inhalt zu überzeugen.

Aber ein Buch komplett zu lesen dauert seine Zeit. Mein Kindle informierte mich auf seine freundliche Weise, dass ich mit »Maschinengeist« von Chris Schlicht ungefähr 11 Stunden verbringen würde. Dabei bin ich wirklich kein langsamer Leser. Und leider habe ich diese Zeit nicht. Daher dachte, warum dem Roman nicht eine halbe Stunde widmen, um zu sehen, ob er mir gefällt. Damit war eine Idee geboren. Die Frage, die hinter dieser Rezensionsart steht, lautet: »Würde ich das Buch, hätte ich mehr Zeit, weiterlesen?«

Also, zu den ersten 30 Minuten mit Chris Schlichts »Maschinengeist«. Der Roman entführt uns in eine alternative Steampunkwelt, in der Deutschland zu einem Industriemoloch herangewachsen ist. Eine konkrete Zeitangabe gab es nicht. Zunächst finde ich es immer wieder großartig, wenn Autoren ihre Geschichten in Zentraleuropa spielen lassen, auch wenn es sich manchmal seltsam anfühlt. Wir sind einfach durch den modernen Film- und Literaturkanon darauf konditioniert worden, dass alles von Wichtigkeit nicht hier bei uns, sondern jenseits des Atlantiks stattfindet.

In dem Roman ist die Blütezeit der Industrialisierung vorbei. Überall herrscht Arbeitslosigkeit und Hoffnungslosigkeit. Chris Schlicht schafft es, diese deprimierende Situation bildgewaltig in Worte zu fassen. In ihrer Welt ist es dreckig, nass, neblig, dunkel, grau, düster. Maschinen dampfen, Schornsteine rußen die Welt zu. Es regnet unentwegt, die Straßen sind voller Schlamm und Dreck. Schlicht nimmt sich am Anfang ihres Romans Zeit für die detaillierte Beschreibung dieser düsteren Welt. Jeder Satz ist wohlüberlegt, drückt feine Nuancen aus. Bei vielen Werken ist ein Zuviel an Details langweilend, man möchte einfach dahin blättern, wo der Plot weitergeht. Eine Amazon-Kritik bemängelt genau dies an »Maschinengeist«.

Ich bin da absolut anderer Meinung. Der Schreibstil ist leicht und sehr unterhaltend und kreiert das perfekte Kopfkino. Man braucht diese Zeit, um in die Welt zu finden. Die Autorin schafft es auch, ein glaubhaftes Bild der Technik in ihrer Welt zu geben, die sich hätte entwickeln können, wenn nicht die Mikroelektrik die technische Entwicklung unserer Welt dermaßen beeinflusst hätte.

In der ersten halben Stunde lernen wir auch den Hauptcharakter Peter Langendorf kennen, einen Privatdetektiv, der sich mit dem Fangen von Kleinkriminellen über Wasser hält. Peter ist einem auf Anhieb sympathisch. Denn obwohl er noch zu den Bessergestellten seiner Welt gehört, nagt an ihm bereits der Verfall seiner Welt. Peter ist schlichtweg echt und glaubwürdig. Er lässt uns wissen, dass er hin und wieder einen größeren Auftrag erhält, der Geld in seine klammen Kassen spült. So auch dieses Mal, was den Beginn des Romans darstellt. Einer der reichsten Industriellen des deutschen Reiches, Baron von Wallenfels, stattet ihm eine Visite ab, um ihn zu anzuheuern. Nach einem Unfall sind Teile seines Gesichts und Körpers durch Maschinen ersetzt. Damit ist der Baron die perfekte Verkörperung einer technokratischen Elite. Man fragt sich als Leser, wie viel Schlicht sich von der heutigen Zeit inspirieren hat lassen. Der Baron beauftragt Peter.... Stopp, hier hören die ersten 30 Minuten mit »Maschinengeist« auf.

Kommen wir also zur Anfangsfrage dieser Rezension: Würde ich »Maschinengeist« nach diesen 30 Minuten weiterlesen? Die Antwort: ein klares JA!

Christ Schlicht: »Maschinengeist« - Verlag Feder & Schwert - 440 Seiten, 13,99 € als Taschenbuch; 9,99 € als eBook.

Seit 25. April 2014 liegt mit »Maschinenseele« inzwischen bereits der Nachfolger vor. - Der neue Fall für den Ermittler Peter Langendorf.
 
Wer schreibt die Rezension für unsere Homepage? (Bitte melden bei rene.moreau@exodusmagazin.de)

gepostet (FTo) =Fabian Tomaschek


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